In einem Raum des Priesterseminars der Christengemeinschaft in Hamburg arbeitet man hart. Auf den ersten Blick ist es vielleicht nicht zu sehen, aber einige Teilnehmer des zweitägigen Moduls sagen, dass sie müde sind.

Ich bin gebeten worden, diese zwei Tage vom IMO-Ansatz aus zu versorgen. Das Thema ist: Die Kunst bewusst zu Leben (The Art of conscious Living). Adriaan Bekman hat darüber in seinem gleichnamigen Buch ausführlich geschrieben. Es beinhaltet Punkte wie:

Leben mit einer Frage, Leben in Prozessen, Leben im Dialog, Leben in der eigenen Biographie. Wie sieht das aus, wie macht man das im organisierten Leben, in dem man sich mit Führungsfragen auseinander setzen muss? Wir arbeiten dazu auch mit den Übungen aus dem Buch Begeisterung steckt an.

Wir machen verschiedene Übungen. Dabei erfahren die Teilnehmer, wie sie vertrauensvoll ihre Seelen berühren und in die innere und äußere Welt Bewegung bringen können. Betrachten wir zum Beispiel die Übung Vision erklären: Ein Teilnehmer steht vor der Gruppe und erzählt in fünf Minuten seine persönliche Vision von ‘Wie sehe und verstehe ich gutes Priestertum?’. Die Anderen hören aufmerksam zu und achten dabei auf den Inhalt, das Gefühl, die Willenskraft und Richtung in dieser Präsentation. Danach kommen sie miteinander darüber ins Gespräch, während derjenige, der präsentiert hat, sich aus diesem Dialog heraushält und für sich Notizen macht. Aus diesem Gespräch folgt ein Tipp für einen erneuten Durchlauf der Präsentation - aber eine etwas anders gestaltete Präsentation. "Mit beiden Füßen zusammen, Füße auf dem Boden." war so ein Tipp. Nach der zweiten Präsentation bewerten sie zusammen den Unterschied. Beeindruckend war es zu hören, wie Einige dieser Übung eine Art von Magie zuschreiben, wie in so kurzer Zeit mit minimalen Aktivitäten die Auswirkungen so groß sein können. Wie ist das möglich? Was passiert denn eigentlich? Es ist nicht überraschend, dass einige Teilnehmern sich wirklich müde fühlen.

Arbeit

Für mich persönlich war es auch beeindruckend diesen Kurs zu erleben. Diese Tage werden immer mit einem Treffen in der Kirche der Christengemeinschaft angefangen. Sie wird ‘Menschenweihehandlung’ genannt, und ich war zum ersten Mal in meinem Leben Teilnehmer. Mich hat, unter anderem, das Ritual der Entzündung der sieben Kerzen beeindruckt. Es geschah mit Respekt und Sorgfalt, in Stille. Ich habe wegen meinem ehemaligen Beruf als Pfarrer viele Gottesdienste geleitet. Und auch dort spielte Kerzenlicht eine wichtige Rolle. Aber erst jetzt wurde mir klar, dass wir selber ganz dafür verantwortlich sind, berufen sind uns mit diesem Licht sinngebend zu verbinden. Der Priester sagt am Anfang, was in dieser Stunde stattfinden wird und am Ende, dass es vorbei ist. Und so ist es auch. Es beginnt, wenn wir wollen, und es endet wie wir wollen. Und es macht Sinn, nur wenn wir diesen Sinn hinein legen.

In diesem Sinne habe ich auch in diesem Kurs versucht zu arbeiten: Du, ich, wir sind jederzeit für die Prozesse, die wir anfangen, verantwortlich. Wenn wir uns an Prozessen beteiligen, kommt etwas von unserer eigenen Biographie hinein und etwas wird unserer Biographie hinzugefügt. Und wir tun es in einem offenen Dialog, von Seele zu Seele, um es jetzt ‘sachgemäß’ zu sagen. In diesen Tagen ist mir wieder vertieft klar geworden, dass die Arbeit als IMO-Berater in horizontaler Führung tiefe spirituelle Wurzeln hat.

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Einen der Teilnehmer, der mir über die Wirkung dieser zwei Tage erzählte, habe ich gebeten zu diesem Blog auch etwas aus persönlicher Sicht zu schreiben.

"Nach einer kurzen Einführung der Kernelemente des The Art of Conscious Living, begann der Kurs mit der Frage: "Was ist Ihre Motivation, um hier am Priesterseminar zu sein?" Das verursachte sofort meine volle Aufmerksamkeit. Meine Frage war dann: "Wie hat es bei mir angefangen?" Eigentlich wollte ich ein Manager sein auf priesterliche Weise, präsent in Organisationen, wo die Seele droht zu verschwinden. So begann es bei mir.

Es ist meine Überzeugung, dass eine Organisation, in der Menschen professionell arbeiten mit einer Kirche verglichen werden können. In beiden geht es um meine innere Haltung zu den Aktivitäten, die ich durchführe. Diese Haltung ist wesentlich bezüglich des Prozesses, der Gemeinschaft und der Ko-Kreation.

Ich entdeckte den Kreis "Impuls - die Andere - Selbst" (siehe Foto Tafelzeichnung) als eine energetische Kohärenz. Die Balance in diesem Kreis wird gestört, wenn eines dieser drei Elemente unsere Aufmerksamkeit verliert. Es nahm mir den Atem für einen Moment, als ich daran dachte, ein Priester, ein Wächter zu sein für diese Balance in der Gemeinschaft. Bin ich die richtige Person für diese Aufgabe? Ist es möglich für mich das zu lernen? Könnte ich diese Rolle tragen, Jahr für Jahr? Die Bilder, die aus diesen Übungen entstanden, zündete eine ganze Reihe von neuen Fragen an und brachte viel Bewegung in meinen Lernprozess.

Ich sah auch eine breitere biographische Perspektive in der gestellten Aufgabe, meine Vergangenheit, den ursprünglichen Impuls mit meiner verborgenen Zukunft zu verbinden. Diese Herausforderung bewegte auch die anderen Teilnehmer dieses Kurses und wir waren stark überrascht über die Wirkung der Übungen. Zum Beispiel auch die Arbeit mit den "Drei Zukunftszenarien". Es war eindrucksvoll zu sehen, was da für uns alle deutlich wurde, gerade im beachten der strengen Regeln dieser Übung. Durch unser Einlassen auf die Übung entstand ein mächtiger Raum des Zuhörens in dem wir eine Art von Anweisungen hören konnten aus dem Bereich der kaum vorstellbaren Zukunft. Und es war uns allen klar:  diese Zeichen aus unserer Zukunft sind wahr und sie passen.

In diesen Tagen übten wir die Grundhaltung "eine Frage befragen (nicht: eine Frage beantworten)" und dies war wie ein Geschenk, das wir einander geben konnten. Dies scheint mir wesentlich für jeden berufstätigen Menschen in diesen atemberaubenden Zeiten.

Vielen Dank van Laurien van der Laan de Vries, Teilnehmer des Priesterseminars.